Psyche und Gesellschaft

Die DPtV hat 2017 die gesellschaftspolitische Veranstaltungsreihe PSYCHE UND GESELLSCHAFT ins Leben gerufen. Wir möchten mit diesem Format die Wechselwirkungen psychischer Vorgänge und gesellschaftlicher Entwicklungen reflektieren und diskutieren. 2020 war unser Thema:

Corona – Klima – Krise – Konsequenzen?

Corona-Krise und Klimakrise haben das vergangene Jahr stark geprägt. Ernste Bedrohungen gehen von beiden aus – die Reaktionen der Gesellschaft auf Virus und Erderwärmung sind dennoch sehr unterschiedlich. „Corona – Klima – Krise – Konsequenzen?“ lautete daher das Thema des diesjährigen LunchTalks der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV). In einer kontroversen Diskussion erörterten Psychotherapeutin Dipl.-Psych. Lea Dohm und Sozialpsychologe Prof. Dr. Klaus Fiedler mit DPtV-Bundesvorsitzendem Gebhard Hentschel die Möglichkeiten, wie Menschen in Krisen zu verantwortungsvollem Handeln animiert werden können. Mehr als 360 Teilnehmer*innen konnten sich zudem mit Fragen und Kommentaren beteiligen – der LunchTalk fand pandemiebedingt am 19. November 2020 online statt.

Psychotherapie-Know-How in Klimakrise gefragt

„Die Klimakrise ist in Deutschland angekommen. Das löst Irritationen aus – bei den Patient*innen – aber auch bei einem selbst“, sagt Lea Dohm, Mitgründerin der Psychologists for Future / Psychotherapists for Future. „Wir sitzen alle in einem Boot. Das sind wir aus der Praxis sonst nicht gewohnt.“ Die Psychotherapeut*innen könnten sich von den Folgen der Klimakrise nicht unabhängig machen. Gleichzeitig seien sie durch ihre Ausbildung in der Lage, auf die neuen Herausforderungen zu reagieren: „Man braucht nicht das tiefe Klimapsychologie-Wissen. Es geht hier zum Beispiel darum, wie man über die Klimakrise reden kann, ohne Freundschaften zu gefährden.“

Bevölkerung ist kooperativ

„Conversion statt Compliance, Vertrauen statt Überwachung, Anstrengung statt Nudging“, schlägt Prof. Dr. Klaus Fiedler im Umgang mit Klimakrise und Pandemie vor. Der Leiter des Lehrstuhls für Sozialpsychologie an der Universität Heidelberg sieht in restriktiven Maßnahmen keine Alternative: „Wie erreicht man, dass Menschen das Richtige tun? Nur durch selbstbestimmte Verhaltensweisen. Druck führt zu keiner Verhaltensänderung.“ Im Allgemeinen halte er die Bevölkerung für sehr kooperativ: „Wir trennen unseren Müll. Wir kaufen Katalysatoren. Aber 100 Prozent erreicht man natürlich nie.“ Als Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina plädiert er für eine stärkere Einbeziehung der Verhaltenswissenschaftler bei den Maßnahmen zur Klimakrise und der Corona-Pandemie.


>>> Videomitschnitt (YouTube) des LunchTalks 2020

Programm

Begrüßung und Einführung in das Thema

Dipl.-Psych. Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der DPtV


Impulsvortrag 1:
Psychotherapeut*in in Krisenzeiten – Aufgabe und Verantwortung

Dipl.-Psych. Lea Dohm, Psychologische Psychotherapeutin, Mitgründerin Psychologists for Future / Psychotherapists for Future
 

Corona-Pandemie und Klimakrise – wir leben in einer Zeit umfassender Menschheitskrisen. Beiden wohnt das Potenzial inne, das gesellschaftliche Zusammenleben, wie wir es kennen, empfindlich zu verändern. In welcher Form können wir mit unseren psychologischen und psychotherapeutischen Kenntnissen einen sinnvollen Anteil zur gesellschaftlichen Krisenbewältigung leisten? Sowohl bei Covid-19 als auch der Klimakrise sind wesentliche Zusammenhänge bereits gut untersucht, erfordern ein entschiedenes Vorgehen auf gesellschaftspolitischer Ebene und stolpern dennoch über psychologische Phänomene wie pluralistische Ignoranz oder die Kommunikation angstmachender Fakten ohne Nennung von Handlungsmöglichkeiten.

Lea Dohm, Mit-Initiatorin der Psychologists / Psychotherapists for Future, berichtet aus ihren Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung: Über Übersetzung von wissenschaftlicher Evidenz in praktisches Handeln, interdisziplinäre Zusammenarbeit und vor allem immer wieder „Empowerment“. Dabei sieht sie alle Kolleg*innen in der Verantwortung, mit offenen Augen und fachlicher Expertise den nötigen Wandel mitzugestalten.


Impulsvortrag 2:
„Compliance“ oder „Conversion“? Über nachhaltiges Lernen aus Krisen und Katastrophen

Prof. Dr. Klaus Fiedler, Leiter des Lehrstuhls für Sozialpsychologie an der Universität Heidelberg / Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina / Leibnizpreis-Träger 2000 / Mitherausgeber von Journal of Personality & Social Psychology

Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Methoden der Einflussnahme, egal ob in der Therapie, der Politik, der Erziehung oder in der Werbung. Entweder man versucht, durch operantes Lernen (mit Belohnung und Bestrafung) und durch normativen Druck andere Menschen zu ihrem Glück zu zwingen. Oder man versucht, sie durch Argumente und durch gute Beispiele zu überzeugen, so dass sie die gewünschten Einstellungen und Verhaltensmuster verinnerlichen und sodann aus freien Stücken an den Tag legen. Der Sozialpsychologie Serge Moscovici (übrigens der Vater des aktuellen französischen Europa-Politikers Pierre Moscovici) verwendete für diese beiden Strategien der Einflussnahme die Begriffe „Compliance“ (normativer Druck) und „Conversion“ (echtes Überzeugen).

Die Wahl zwischen beiden Strategien stellt sich bei allen möglichen Problemen immer wieder (etwa auch in der Psychotherapie). Sie stellt sich insbesondere beim Umgang mit Krisen und Katastrophen und bei der Frage, wie wir mit Corona oder mit dem ultimativen Problem des Klimawandels umgehen können. In meinem Impulsvortrag will ich nicht hinter dem Berg halten, sondern klar Stellung beziehen. Ich versuche zu erklären, warum nachhaltiges Lernen niemals durch Compliance möglich ist – nur durch Conversion.


Talkrunde mit unseren Vortragsgästen

Gastgeber/Moderator: Dipl.-Psych. Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der DPtV